Der Vaterwein

Es war kein Sommelier, der mich zum Vernaccia führte, sondern die Tankstelle.
Mein Vater sammelte Punkte, gewissenhaft wie nur Väter es können. Für Motoröl, für Staubtücher, und manchmal auch für Weinflaschen. Er selbst trank nie. Aber er tankte viel. Und so fiel die Wahl an mich. Fast immer griff ich zum Vernaccia di San Gimignano, diesem leisen Weißwein aus der Toskana, der damals wie eine Belohnung aus einem anderen Leben wirkte.
Heute steht er wieder vor mir, diesmal ohne Punkte eingelöst. Strohgelb im Glas, ein Hauch Ananas, ein Anflug von Zitrus, frisch und klar. Dahinter die feinen mineralischen Noten, und im Ausatmen: Mandeln, leise und nachhallend.
Es ist kein lauter Wein, keiner, der aufdrängt. Aber er trägt eine Geschichte, die größer ist als er selbst: die von meinem Vater, den ich mit jedem Schluck heraufbeschwöre. Und so hebe ich das Glas nicht nur auf die Toskana, sondern auf ihn.