Flaschenposts (13)

Es gibt ganze Bibliotheken voller Weinkritiken, verfasst mit einer Ernsthaftigkeit, die jedem Tropfen das Gewicht einer literarischen Figur verleiht. Dort wird gemessen, bewertet, nummeriert: 89 Punkte für die Farbe, 87 Punkte für die Nase, 91 für den Abgang, als wäre der Wein ein Kandidat in einem olympischen Zehnkampf.

Hier jedoch soll der Wein nicht Leistungssport treiben. Er darf atmen, er darf beiläufig sein, er darf sich sogar irren. Diese Texte sind keine Kritiken, sie sind kleine Beobachtungen. Szenen, Miniaturen, vielleicht eher Gläser voller Stimmungen.

Manchmal stolpert ein Rosé auf den Balkon, manchmal verirrt sich ein Primitivo in die Erinnerung an eine französische Tante. Ein Weißburgunder kann sich jahrelang im Regal verstecken, um dann doch noch einen Frühling zu retten. Und ein Vernaccia ist plötzlich Tankstellenprämie und Vatererinnerung zugleich.

Die Wahrheit ist: Der Wein selbst spielt hier die zweite Geige. Wichtiger ist, was er auslöst. Ein Gespräch, ein Bild, ein kleiner Augenblick, den man nicht messen, nicht nummerieren, aber trinken kann.

Und so sind diese Miniaturen keine Kritiken, sondern eine Einladung. Nicht zum Fachsimpeln, sondern zum Heben des Glases. Mit Roger Willemsens Worten könnte man sagen: Manchmal ist das Schönste an einem Wein nicht, was er ist, sondern was er aus uns macht.

Es brauchte nicht viel an diesem Abend. Ein Sauerteigbrot, im Toaster geröstet. Eine Dose Sardinen aus Frankreich, in Zitronenöl eingelegt.

Im Glas ein leiser Sonnenaufgang, hellgelb, fast durchsichtig, wie das Versprechen eines unbeschriebenen Sommertages. Die Nase wird von einer Komposition…

Man muss schon den Namen mögen: Picpoul - der Lippenzwicker. Als hätte der Wein selbst Humor. Ein Weißer aus Südfrankreich, gemacht…

Es begann mit einem Film: C’était mieux demain. Und endete mit Baguette, Morbier und Comté auf dem Küchentisch. Auf dem…

Die Vorfreude

Ein Weißburgunder aus Stuttgart-Untertürkheim, getrunken nicht dort, wo er hingehört hätte, sondern drinnen, im Wohnzimmer, mit Blick auf einen Balkon,…

Der Vaterwein

Es war kein Sommelier, der mich zum Vernaccia führte, sondern die Tankstelle. Mein Vater sammelte Punkte, gewissenhaft wie nur Väter…

Der Verstoßene

Meine Tante Sybille, die Wahlfranzösin, die bei jedem Wein die Etiketten prüfte wie andere die Steuerbescheide, hätte ihn nicht angerührt.

Fellbacher Pinot Grigio(?) Dieser Wein trägt die Farbe getrockneter Strohhalme, als habe jemand das Licht eines Spätsommers eingefangen und in…

Er kam nicht über den Handel, sondern über einen Ausflug. Importiert aus dem Elsass, im Gepäckraum zwischen Erinnerungen und Vorfreude.

Der stille Gast

Ein Trollinger, der sich verwandelt hat: nicht in das Übliche, sondern in ein Rosé von wunderbarem Orange, wie ein spätes…

Ein Verschnitt von Riesling und Weißburgunder, zwei Stimmen, die sich hier zu einem Duett verbinden: trocken, aber fruchtig, frisch, fast…

Dies ist ein Wein, der nicht trinkt, sondern erzählt. Ein Rosé, so hell, als habe man den Morgenhimmel gerade noch…

Der Heimatliche

Ein Glas „Heimat“: Silvaner aus Franken Es war kein großer Abend, keiner, den man später in Jahresrückblicken verorten müsste. Aber…