Der Verstoßene
Meine Tante Sybille, die Wahlfranzösin, die bei jedem Wein die Etiketten prüfte wie andere die Steuerbescheide, hätte ihn nicht angerührt. ‚Primitivo?‘ allein der Klang: ungebildet, roh und auch noch halbtrocken? Weg damit!
Doch was sie verpasst hätte: Im Glas leuchten Kirschen, kräftig und süß. Statt Tanninen ist da ist eine Spur Pfeffer und rote Früchte, die einem mit Nachdruck begegnen, ohne schüchtern sein zu müssen. Halbtrocken, mit jener süditalienischen Wärme, die einen sofort umarmt.
Und genau darin liegt sein Zauber: Er nimmt nicht Platz am Tisch, um feinsinnig daherzureden, sondern um zu lachen, zu würzen, abzufärben. Ein Wein, der eben nicht ‚primitiv‘ ist, sondern ursprünglich. Und wer sich nicht vom Namen abhalten lässt, wird feststellen: manchmal ist das vermeintlich Einfache das Aufrichtigste.