Die weite Sicht

Weitsicht ist eine brauchbare Sache, aber im täglichen Leben, zwischen Terminen und Tastatur, haben wir diese Fähigkeit zu einer museumspflichtigen Tugend verkümmern lassen.
Der Mangel an Weitsicht äußert sich selten spektakulär. Er tritt auf wie ein leiser Schatten, der sich über Entscheidungen legt: Die Abkürzung, die uns Zeit sparen soll und am Ende nur die Umwege verlängert. Die Gewissheit, alles schon verstanden zu haben, bevor wir überhaupt begonnen haben zuzuhören. Die kleine Unruhe, die aus dem Drang entsteht, sofort zu handeln, weil das Innehalten zu viel verlangt. Weitsicht hingegen wäre das stille Gegenmittel: das Zögern, das nicht Schwäche, sondern Respekt bedeutet; die Bereitschaft, das Offene zu ertragen, ohne es vorschnell zu schließen.
Weitsicht kann eine Form des Friedens mit der Zukunft sein. Man begegnet ihr nicht im großen Entwurf, sondern im leisen Entschluss, sich die Welt nicht zu schnell zu erklären. Wer weit sehen will, muss manchmal den Blick abwenden: vom Bildschirm, von den Parolen, von den selbstgebastelten Gewissheiten. Erst dann zeigt sich die Landschaft hinter der Landschaft – das, was möglich wäre, wenn wir uns nicht ständig mit dem Nächsten zufriedengäben.
Die weite Sicht: Sie beginnt selten mit einem Weitblick. Sie beginnt mit dem Mut, das Naheliegende infrage zu stellen. So wächst aus einer kleinen Unruhe eine große Aufmerksamkeit. Und vielleicht, an einem guten Tag, sogar ein Stück Zukunft, das unseren Aufenthalt in dieser Welt würdiger macht.