Zwischen Broterwerb und Lebenshunger

Es gibt Menschen, die von der „Work-Life-Balance“ sprechen, als wäre sie eine orthopädische Fehlstellung. Ein schiefer Rücken der Gesellschaft, verursacht durch zu viel Sofa und zu wenig Ehrgeiz.
Einer dieser Menschen, ein momentan erfolgreicher Unternehmer, sagte heute Morgen in einem Zeitungsartikel, er verstehe nicht, warum man einen Ausgleich zur Arbeit brauche. Arbeit sei doch schon Leben.
Dieser Satz verrät mehr über den Sprecher als über jene, die er kritisiert.
Wer Erfolg hatte, und sei es in der ehrlichen Überzeugung, ihn sich in Gänze alleine erarbeitet zu haben, neigt dazu, seine Biografie für eine Gesetzmäßigkeit zu halten. Aus der eigenen Begeisterung wird eine Norm. Aus der eigenen Erschöpfung eine Auszeichnung. Der Körper, der nicht mehr nach Feierabend fragt, gilt als Beweis innerer Berufung. Wer so lebt, empfindet Pausen nicht als notwendig, sondern als verdächtig. Er sieht im Wunsch nach Balance keinen Schutz, sondern eine Schwäche.
Und genau hier endet das Verständnis.
Denn Arbeit ist nicht für alle dasselbe. Für die einen ist sie Selbstverwirklichung, für die anderen Selbsterhaltung. Für die einen Bühne, für die anderen Tretmühle. Wer morgens aufsteht, um eine Idee zu verwirklichen, erlebt Anstrengung als Sinn. Wer morgens aufsteht, um die Miete zu bezahlen, erlebt sie als Pflicht. Beides heißt „Arbeit“, aber es ist nicht dieselbe Tätigkeit, nicht dieselbe Zumutung, nicht dasselbe Versprechen.
Kann man also von jemandem mit einem sogenannten normalen Job verlangen, grundsätzlich mehr zu arbeiten – auch dann, wenn der zusätzliche Ertrag keinen inneren Gewinn mehr bedeutet?
Damit ist die Frage nicht mehr ökonomisch. Sie ist moralisch.
Denn was heißt: mehr verdienen? Es heißt: mehr konsumieren. Und wer sagt, er brauche das nicht, weil er kein dickes Auto als Statussymbol benötigt oder weil er seine Verantwortung gegenüber der Umwelt nicht mit dem Motorengeräusch seines Privatflugzeuges übertönen möchte, der verweigert sich nicht der Leistung, sondern einer bestimmten Erzählung von Glück. Nämlich der, dass Wachstum automatisch materiellen Wohlstand bedeutet, und Wohlstand automatisch Sinn.
Vielleicht liegt darin der eigentliche Skandal der „Work-Life-Balance“?
Sie behauptet, dass das Leben mehr ist als sein beruflicher Abdruck. Dass Zeit nicht nur in Produktivität gemessen werden darf, sondern auch in Gesprächen, in Müdigkeit, in Umwegen, in Blicken aus dem Fenster. Sie behauptet Dass ein Mensch nicht defizitär ist, wenn er sagt: Es reicht.
Der erfolgreiche Unternehmer, der keinen Ausgleich braucht, liegt vielleicht nicht falsch. Aber er ist auch nicht Maßstab. Sein Leben ist ein Entwurf unter vielen. Gefährlich wird er erst dort, wo er seine Unersättlichkeit für eine Tugend hält, und die Genügsamkeit der anderen für einen Mangel.
Vielleicht wäre es klüger, nicht von Balance zu sprechen, sondern von Würde. Von der Würde, sich nicht vollständig in eine Funktion zu verwandeln. Von der Würde, Nein zu sagen, wenn Mehrarbeit nur weniger selbstbestimmte Freiheit bringt, und stattdessen nur Dinge, die man nicht braucht. Und von der Würde, Arbeit als Teil des Lebens zu begreifen, nicht als dessen Ersatz.
Denn wer keinen Ausgleich braucht, hat vielleicht das Glück, seine Arbeit zu lieben. Wer ihn braucht, liebt vielleicht das Leben.
Und beides ist legitim.